Pressefreiheit für Baku

"Lernt das wirkliche Aserbaidschan kennen!"

Elnur Majidli. Foto: privat

"Wir konnten beobachten, wie der Song Contest im Laufe der Jahre immer mal wieder zu einem Katalysator für demokratische Bewegungen in anderen Ländern geworden ist. Er schuf mitunter ein Bewusstsein für die sozio-politischen Bedingungen. Wie beispielsweise in der Ukraine, die 2004 den Song Contest gewann und die im selben Jahr die ,Orangenen Revolution´ erlebte.

Ich hoffe, der ESC könnte auch in Aserbaidschan der Beginn einer demokratischen Entwicklung sein. Ich wünsche mir, dass die europäischen Länder und die internationale Gemeinschaft ihr Augenmerk auf die politischen Gefangenen und auf die Menschenrechtsverletzungen legen, die leider zum Alltag geworden sind in meinem Land. Das Regime instrumentalisiert den ESC, um diese Realität zu verdecken. Diese Taktik benutzt das Regime seit 20 Jahren; aber mit dem ESC ist das Regime umso mehr darauf bedacht, sich als ,fortschrittlich´ zu präsentieren. Alle sollen wissen, mit welchen Opfern sich das Regime diesen Schein erschaffen hat. Viele Häuser wurden zerstört und abgerissen, Familien bleiben ohne ein Heim zurück, Meinungs- und Pressefreiheiten werden mit scharfen Repressionen bekämpft. Vor allem die Versammlungsfreiheit wurde extrem eingeschränkt. Nur zwei, drei Leute dürfen sich in der Öffentlichkeit versammeln, selbst wenn es sich dabei nur um soziale Aktivitäten handelt. Solche Gruppen werden sofort auseinander getrieben.

Elementare Freiheiten werden zusehends beschnitten. Was mich aber sehr, sehr wütend macht, ist, wie das Regime die Jugend daran hindert, aktiv zu werden. Der ESC soll helfen offen zu legen, wie ,diese Fassade´ auf Kosten der Menschen fabriziert wurde. Ich wünsche mir, dass die internationale Gemeinschaft die Wirklichkeit in meinem Land verstehen lernt und nicht das, was das Regime ihr als Wirklichkeit verkauft."

Elnur Majidli ist Journalist, Blogger und Aktivist. Seit April 2011 ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den Online-Aktivisten wegen Verdachts auf „Anstiftung zu nationalem, ethnischem oder religiösem Hass“. Majidli, der sich nach Drohungen seit einigen Monaten in Frankreich aufhält, gehört zu den Gründern der Facebook-Seite, auf der im Zuge der Revolutionen in den arabischen Ländern zu Demonstrationen in Aserbaidschan aufgerufen wurde. Majidli ist Korrespondent des BBC World Service.